Sprache ist kein Schaf

Thema: Gendergerechte Sprache, Entwicklung
Umfang: 7005 Zeichen
Geeignet für: Zeitung, Zeitschrift, Website
Bisher veröffentlicht in: neu

Schlafen können Peter, Lutz und Klaus schon lange nicht mehr. Die Angst treibt sie um. Freunde und Familie berichten von wiederkehrenden hysterischen Anfällen. Ausgelöst werden die Symptome von einem winzigen Sternchen, einem Schrägstrich oder einem Partizip: Sobald Peter, Lutz und Klaus mit ihnen in Kontakt kommen, schnellt der Puls in die Höhe, geht der Atem schwer, krampft sich der Magen zusammen. Wovor sie sich fürchten, können die Betroffenen nicht so recht erklären. Verlustängste scheinen eine wichtige Rolle zu spielen. Peter, Lutz und Klaus leben in ständiger Sorge, dass ihnen etwas weggenommen werden könnte: Die Butter vom Brot, zum Beispiel, oder die langen Socken aus den Sandalen. Persönliche negative Erfahrungen dieser Art werden bei gezielter Nachfrage jedoch fast immer verneint.

Eine andere Theorie besagt, dass es die Last der Verantwortung ist, die ihnen schlaflose Nächte bereitet. Die Betroffenen glauben, die deutsche Sprache „hüten“ zu müssen. Sie sind davon überzeugt, dass Versuche einer geschlechtergerechten Sprache die deutsche Sprache „ruinieren“ könnten und fühlen sich verpflichtet, sie aufopferungsvoll zu verteidigen. Sie schreiben „Petitionen für den Erhalt der deutschen Sprache“. Sie laden pseudowissenschaftliche Videos ins Internet hoch. Sie halten Vorträge, in denen sie Angst und Panik schüren. Und sie rufen öffentlich dazu auf, den „Gender-Wahn“ zu beenden. Wieviel Energie sie trotz schwindender Kräfte für ihre vermeintliche Mission aufbringen, ist bemerkenswert.

Leider verkennen sie dabei völlig, was sie da eigentlich so heroisch bewachen wollen. Sprache ist keine Schafherde, die man hüten könnte. Sprache entwickelt sich Tag für Tag in viele verschiedene Richtungen. Sie wird von den Menschen geprägt, die sie benutzen. Dazu gehören eben nicht nur ältere Herren wie Peter, Lutz und Klaus, sondern auch Frauen wie die Autorin, die Angestellten der Stadtverwaltung und des öffentlichen Nahverkehrs oder die Kundinnen der Sparkasse. Die Idee einer „deutschen“ Sprache gibt es erst seit Martin Luther. Dennoch wird in Bayern anders gesprochen als in Ostfriesland, in Mecklenburg anders als in der Pfalz. Es gibt Regionen in Deutschland, in denen ein Satz vierfach verneint werden kann. Das „ch“ wird nördlich der sogenannten Benrather-Linie anders ausgesprochen als südlich davon. Das Deutsch des Mittelalters wurde maßgeblich von der Sprache der ursprünglich vermutlich aus Indien eingewanderten …

Autorin/Urheberrecht: Anna Kiefer

Haben Sie schon einmal folgende Wörter und Ausdrücke benutzt? In der Welt von Peter, Lutz und Klaus hätten Sie damit zum „Ruin der deutschen Sprache“ beigetragen, weil es diese Ausdrücke, Wörter und Redewendungen vorher so nicht gab.

„Er hat mich durchbeleidigt“ – sehr bildlicher, treffender Neologismus des Fußballtrainers Domenico Tedesco aus dem Jahr 2018.

Autorin/Urheberrecht: Anna Kiefer

 

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